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Anne Franks Tagebuch erhält in Evgeni Orkins Oratorium „Annes Passion“ eine neue musikalische Stimme. Im Mittelpunkt stehen die Gedanken, Hoffnungen und Ängste eines jungen Menschen, dessen Alltag durch Verfolgung und das Leben im Versteck geprägt ist. Orkin verbindet ausgewählte Tagebuchtexte mit den Ausdrucksmöglichkeiten von gesprochenem Wort, Solostimmen, Chor und Orchester. So begegnen sich persönliche Lebensgeschichte und die Erinnerung an die Shoah. Die Arbeit an dem Werk begann 2019; während der Pandemie entstand zunächst eine über verschiedene Orte hinweg produzierte Einspielung. Diese Aufnahme dokumentiert die öffentliche Uraufführung am 30. Januar 2025 in der Tübinger Stiftskirche. Unter der Leitung von Philipp Amelung musizieren der Akademische Chor der Universität Tübingen und die Württembergische Philharmonie Reutlingen. Johanna Pommranz übernimmt die Partie der Anne, Jürgen Herold spricht die Rolle ihres Vaters Otto Frank. Ein begleitendes Universitätsprogramm öffnete das Werk für Gespräche über Erinnerung, Geschichte und die Gegenwart des Antisemitismus.
„Requiem for a Poet“ erinnert an den ukrainischen Dichter und Soldaten Maksym Kryvtsov, der am 7. Januar 2024 an der Front getötet wurde. Am 6. Januar, seinem vorletzten Lebenstag, erhielt er an der Front ein Exemplar seiner gerade erschienenen ersten Gedichtsammlung „Вірші з бійниці“ (Virshi z biinytsi). Noch am selben Tag machte er daraus in den sozialen Medien ein Spiel: Seine Leserinnen und Leser nannten eine Seitenzahl und eine Zeile – von oben oder unten –, und Kryvtsov antwortete mit einem Foto der entsprechenden Stelle aus dem Buch. Genau dieses Prinzip prägt die Form von Orkins Requiem. Eine Stimme aus dem Zuspiel übernimmt gleichsam die Rolle der Menschen in den sozialen Netzwerken: Sie nennt eine Seite und eine Zeile; der Bariton antwortet mit dem entsprechenden Vers aus Kryvtsovs Buch. So wird der letzte Austausch des Dichters mit seinen Leserinnen und Lesern zu einem musikalischen Dialog zwischen Frage, Antwort und Erinnerung. Die hier gezeigte Aufnahme entstand bei der deutschen Erstaufführung am 24. Februar 2025 in Monheim am Rhein. Oksana Lyniv dirigiert das Kyiv Symphony Orchestra; Andrii Bondarenko singt die Baritonpartie.
Paul Celans „Todesfuge“ bildet den Ausgangspunkt für Evgeni Orkins Werk für Violine, Sprecher und Orchester. Die Auseinandersetzung mit der Shoah entfaltet sich zwischen dem gesprochenen Gedicht, der Solovioline und einem Orchesterpart, der die gegensätzlichen Welten von Opfern und Tätern aufgreift. Eine Kadenz für Violine und Schlagzeug verdichtet das erschütternde Motiv der zum Musizieren gezwungenen Gefangenen. Am Ende ist eine historische Aufnahme zu hören, in der Celan selbst sein Gedicht liest. „Todesfuge“ ist zugleich der vierte und abschließende Teil von PARDES – Vier Sinfonische Erzählungen. Zu diesem vierteiligen Zyklus gehören außerdem „Radetzkymarsch“ nach Joseph Roth, „Die Zimtläden“ nach Bruno Schulz und „Vom Jahrmarkt“ nach Scholem Alejchem. Die Teile des Zyklus wurden beziehungsweise werden nicht in der Reihenfolge des Zyklus uraufgeführt: „Todesfuge“ erklang erstmals am 2. Juni 2024 im Wiener Konzerthaus im Rahmen der Wiener Festwochen; „Radetzkymarsch“ am 12. Januar 2025 in der Neuen Synagoge Düsseldorf; „Die Zimtläden“ am 21. Dezember 2025 in der Aula am Berliner Ring in Monheim am Rhein. Die Uraufführung von „Vom Jahrmarkt“ ist für den 6. Dezember 2026 im Theater Fulda angekündigt. Bei der Uraufführung der „Todesfuge“ spielte Andrii Murza die Solovioline, Philip Leonhard Kelz übernahm den Sprecherpart; Oksana Lyniv leitete das Kyiv Symphony Orchestra und das Youth Symphony Orchestra of Ukraine.
Fünf Kinder, deren Leben in einer Nacht in Odesa endete, stehen hinter Evgeni Orkins „Fünf unterbrochenen Wiegenliedern“. Das Orchesterwerk entstand 2024 im Auftrag von Oksana Lyniv als Reaktion auf den russischen Angriff vom 2. März, bei dem zwölf Menschen, darunter fünf Kinder, getötet wurden. Bereits der Titel macht den Verlust spürbar: Das Wiegenlied, Sinnbild für Nähe und Geborgenheit, wird zum Bild einer gewaltsam unterbrochenen Kindheit. Die Widmung gilt Kindern, die Kriegen zum Opfer fallen. Die Uraufführung fand am 5. September 2024 im Carl Nielsen Salen des Odense Koncerthus statt. Oksana Lyniv dirigierte das Odense Symphony Orchestra. Am 24. Februar 2025 folgte die hier dokumentierte deutsche Erstaufführung in Monheim am Rhein mit dem Kyiv Symphony Orchestra unter Lynivs Leitung – ein musikalisches Gedenken, das von einem konkreten Ereignis ausgeht und über dieses hinausweist.
Ein jüdischer Hochzeitsmusiker entdeckt Wagners „Lohengrin“ – und kehrt mit einer Musik nach Hause zurück, die sein ganzes Leben verändert. Evgeni Orkins Klezmer-Singspiel erzählt von Mendele, der seine Ersparnisse für einen Opernbesuch in Wien ausgibt und fortan auch im heimischen Schtetl nur noch Wagner spielen möchte. Daraus entsteht ein ebenso komischer wie nachdenklicher Konflikt um Tradition, Zugehörigkeit und die Freiheit der Kunst. Das Libretto von Martin Valdés-Stauber beruht auf Heinrich York-Steiners gleichnamiger Erzählung von 1898. Orkins Musik führt Klezmer, Wagner und die Gegenwart in einem Theaterabend zusammen, der auch nach unserem Umgang mit Kunst und dem Antisemitismus ihrer Urheber fragt. Das Jewish Chamber Orchestra Munich gab das Werk zu seinem zwanzigjährigen Bestehen in Auftrag. Die hier gezeigte Aufnahme stammt nicht von der Uraufführung, sondern von der Wiederaufnahme der Produktion am 8. Februar 2026 in den Münchner Kammerspielen. Es wirken Ethel Merhaut und Stefan Merki mit; die musikalische Leitung hat Daniel Grossmann.
Ein sephardisches Lied verbindet die Erinnerung an verlorene Heimat mit einer bis heute lebendigen musikalischen Tradition. In Evgeni Orkins Bearbeitung erklingt „Árboles lloran por lluvias“ als Teil des Projekts „Die Schlüssel von Toledo“. Das Musiktheater mit Texten von Martin Valdés-Stauber widmet sich der Geschichte sephardischer Juden und dem Fortleben ihrer Sprache Ladino und ihrer Musik im Exil. Diese Aufnahme entstand am 28. September 2025 im Ballhof Eins in Hannover. Das Janet & Jak Esim Ensemble aus Istanbul musiziert mit dem Jewish Chamber Orchestra Munich unter Daniel Grossmann. Der zu diesem Eintrag gesetzte Link führt zur vollständigen Dokumentation des Projekts „Die Schlüssel von Toledo“: Dort finden Sie die gesamte Playlist mit den für das Projekt entstandenen Videos sowie die Beschreibung des Projekts.
Lviv, die Geburtsstadt des Komponisten, steht im Zentrum von Evgeni Orkins siebter Sinfonie „Das hohe Schloss“. Das im Auftrag von INSO-Lviv entstandene Werk verbindet persönliche Erinnerungen mit der Suche nach den musikalischen Spuren einer Stadt. Vergangenheit, Gegenwart und die Vorahnung des Kommenden bilden dabei einen gemeinsamen Horizont. Orkin widmete die Sinfonie seiner Heimatstadt und ihrer vielschichtigen Kulturgeschichte. Die Aufnahme dokumentiert die Uraufführung 2024 durch das Lviv National Orchestra „INSO-Lviv“ unter der Leitung von Oleksandr Gordon. Sie entstand im Konzert „Передчуття“ – „Vorahnung“ – während des 43. Festivals „Virtuosi“. Dass ein Orchester aus Lviv dieses Werk in Auftrag gab und erstmals aufführte, verankert die musikalische Erinnerung unmittelbar in der Stadt, der sie gewidmet ist.
Evgeni Orkins „Elegy“ ist den Menschen gewidmet, die dem Krieg in Odesa zum Opfer gefallen sind. Das im April 2024 entstandene Orchesterwerk schafft einen musikalischen Ort des Gedenkens. Die Erinnerung bleibt dabei an eine konkrete Stadt und die Menschen gebunden, deren Verlust sie trägt. Diese Aufnahme zeigt die Uraufführung am 14. Juni 2024 in der Philharmonie Odesa mit dem Odesa Philharmonic Orchestra unter Hobart Earle. Dass das Werk zuerst in Odesa selbst erklang, gibt seiner Widmung eine besondere Nähe. Im Oktober desselben Jahres brachte das Princeton University Orchestra unter Michael Pratt die „Elegy“ erstmals in den USA zur Aufführung; 2025 nahm es das Werk auch auf seine Griechenlandtournee mit.
Zwei Soloviolinen führen durch ein musikalisches Porträt Odesas zwischen Meer, Großstadtleben und nächtlicher Unruhe. Evgeni Orkins „Odesa Rhapsody“ folgt einer Reise vom Schwarzen Meer und dem Primorskyj-Boulevard zum geschäftigen Pryvoz-Markt. Die Vielfalt der Stadt und ihr offener, kosmopolitischer Charakter prägen diese Bilder. In der Nacht wird die Atmosphäre unsicher; am Ende kehrt die Musik zum Meer zurück, und eine bekannte Odesa-Melodie bleibt als Erinnerung bestehen. Aleksey Semenenko und Andrii Murza spielen die Solopartien mit dem Youth Symphony Orchestra of Ukraine unter Oksana Lyniv. Die Aufnahme entstand am 21. August 2023 beim Festival Young Euro Classic im Berliner Konzerthaus. Für „Odesa Rhapsody“ erhielt Orkin den Europäischen Komponistenpreis 2023. Die Auszeichnung würdigte damit ein Werk, das das Erinnern an eine Stadt mit der Gegenwart ukrainischen Musiklebens verbindet.
Kinderverse und ein unter Besatzung geschriebenes Tagebuch begegnen sich in Evgeni Orkins Kantate „Tatuseva knyha“ – „Papas Buch“. Grundlage sind Texte des ukrainischen Schriftstellers Volodymyr Vakulenko, der 2022 von russischen Besatzern getötet wurde. Seine Gedichte für Kinder und sein gerettetes Tagebuch stehen für zwei Welten: die Fantasie und Geborgenheit der Kindheit und die Gewalt, die in dieses Leben einbricht. Die Kinderchöre, drei Gesangssolisten und der Sprecher geben diesen unterschiedlichen Perspektiven Ausdruck. Das Werk entstand 2023 auf Initiative von Oksana Lyniv für das Projekt „Lost Childhood“. Diese Aufnahme dokumentiert die Uraufführung am 5. September 2023 im Brüsseler BOZAR. Lyniv dirigiert das Youth Symphony Orchestra of Ukraine, den Mädchenchor „Vognyk“ und den Knabenchor „Dzvinochok“. Mitwirkende sind Yuliia Tkachenko, Valentina Pluzhnikova, Andrii Bondarenko und Sprecher Philip Kelz. Das Konzert stand unter der Schirmherrschaft von Ursula von der Leyen. Im Zentrum bleibt Vakulenkos literarisches Vermächtnis – und mit ihm eine Kindheit, deren Schutz zur gemeinsamen Verantwortung wird.
Ein Gebet ohne Worte: Evgeni Orkins „Nachtgebet“ entstand für das Benefizkonzert „Wilni – Die Freien“ in Berlin. Das Orchesterwerk ist mit einer Begegnung verbunden, bei der das Youth Symphony Orchestra of Ukraine gemeinsam mit Mitgliedern des Orchesters der Deutschen Oper Berlin auftrat. Oksana Lyniv leitete diese Zusammenarbeit. Die Aufnahme dokumentiert die Uraufführung 2023 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. In diesem Rahmen lässt sich das „Nachtgebet“ als ein musikalisches Innehalten und als Ausdruck von Solidarität hören. Der Titel öffnet einen Raum für persönliche Gedanken, während das gemeinsame Musizieren die Verbindung zwischen den beteiligten Menschen hörbar werden lässt.
Der Titel von Evgeni Orkins „Galizka Ouvertüre“ verweist auf die historische Region Galizien, zu der auch seine Geburtsstadt Lviv gehört. Das Werk steht damit neben weiteren Orchesterkompositionen, deren Namen auf Städte und Landschaften Bezug nehmen. Die hier vorgestellte Einspielung stammt vom Nationalen Sinfonieorchester der Ukraine unter der Leitung von Volodymyr Sirenko. Die Ouvertüre gehörte zu den Finalwerken des landesweiten Kompositionswettbewerbs „Ukrainische Konzertouvertüre“, bei dem Orkin als Diplomträger ausgezeichnet wurde. Der Wettbewerb zum dreißigjährigen Jubiläum der ukrainischen Unabhängigkeit suchte nach einer neuen musikalischen Visitenkarte des Landes. In diesem Zusammenhang steht die Aufnahme für die Entwicklung eines zeitgenössischen ukrainischen Orchesterrepertoires und dessen Vermittlung durch das Nationalorchester.
