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Historische Klarinetten und historische Aufführungspraxis

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In mehr als zwei Jahrzehnten Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheimentwickelte Evgeni Orkin eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage, welchen Einfluss historische Instrumente auf Klangvorstellung, Spieltechnik und musikalisches Verständnis im Instrumentalunterricht haben können.

Aus der zunächst pädagogischen Beschäftigung entstand im Laufe der Jahre ein eigenständiges künstlerisches und forschendes Arbeitsfeld. Historische Klarinetten und Chalumeaux werden dabei nicht als museale Spezialinstrumente verstanden, sondern als unmittelbare Quelle für Klang, Artikulation, Phrasierung und musikalische Sprache.

2018 erschien Orkins Buch „Methodische Einführung in das Erlernen und die Anwendung der historischen Klarinette in historisch informierter Aufführungspraxis“. Es verbindet organologische und aufführungspraktische Grundlagen mit einer systematischen Spielmethodik sowie eigens dafür komponierten Übungen und Etüden. 2019 folgte die englische Ausgabe „A Methodical Approach to Learning and Playing the Historical Clarinet and Its Usage in Historical Performance Practice“.

Seither wurde diese Arbeit kontinuierlich erweitert. Neben der Beschäftigung mit Originalinstrumenten und historischen Bauformen entwickelt und baut Orkin heute auch eigene Rekonstruktionen und Instrumentenkonzepte, darunter Chalumeaux nach historischen Vorbildern sowie eigenständige Weiterentwicklungen. Dadurch verbindet sich die praktische Erforschung historischer Instrumente unmittelbar mit seiner Tätigkeit als Interpret, Pädagoge und Komponist.

Auch in seinem kompositorischen Schaffen spielt diese Erfahrung zunehmend eine Rolle. Werke wie das Oratorium „Briefe aus dem Schatten“, das historische Instrumente und ihre spezifische Klangwelt einbezieht, führen historische Aufführungspraxis und zeitgenössische musikalische Sprache zusammen.

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Methodische Einführung in das Erlernen und die Anwendung der historischen Klarinette Zweite verbesserte Ausgabe Dieses praxisorientierte Buch richtet sich an Klarinettistinnen und Klarinettisten, die sich mit historischen Instrumenten und historisch informierter Aufführungspraxis beschäftigen möchten. Es vermittelt einen Überblick über die Entwicklung der Klarinette und behandelt zentrale Fragen zur Wahl und praktischen Anwendung historischer Instrumente. Grafisch dargestellte Grifftabellen für unterschiedliche Instrumententypen werden durch eigens entwickelte tägliche Übungen und Etüden ergänzt, die gezielt auf charakteristische grifftechnische und spielpraktische Besonderheiten historischer Klarinetten eingehen. Hinweise aus der Aufführungspraxis, ein Repertoireführer sowie Empfehlungen zu weiterführender Fachliteratur verbinden historische Information mit unmittelbar anwendbarer Spielpraxis. Das Buch ist damit zugleich Einführung, Übemethode und Nachschlagewerk für die praktische Arbeit mit der historischen Klarinette.

A Methodical Approach to Learning and Playing the Historical Clarinet History, Practical Experience, Fingering Charts, Daily Exercises and Studies, Repertoire and Literature Guide — 2nd Edition This practice-oriented book is intended for clarinetists wishing to explore historical instruments and historically informed performance practice. It provides an overview of the historical development of the clarinet and addresses essential questions concerning the choice and practical use of period instruments. Clearly presented fingering charts for different categories of historical clarinets are complemented by specially designed daily exercises and studies, focusing on the characteristic technical and fingering challenges of these instruments. Practical advice drawn from performance experience, a repertoire guide, and references to further specialist literature connect historical knowledge with everyday playing. The book therefore serves as an introduction, a practical method, and a reference guide for musicians working with the historical clarinet.

Методичний підхід до вивчення та використання історичного кларнета в історично обґрунтованій виконавській практиці Ця практично орієнтована книга призначена для кларнетистів, які прагнуть познайомитися з історичними інструментами та принципами історично обґрунтованого виконавства. Видання містить огляд розвитку кларнета та розглядає основні питання вибору й практичного використання історичних інструментів. Наочні аплікатурні таблиці для різних типів історичних кларнетів доповнені спеціально створеними щоденними вправами та етюдами, спрямованими на характерні технічні й аплікатурні особливості цих інструментів. Практичні рекомендації, що ґрунтуються на виконавському досвіді, огляд репертуару та посилання на спеціальну літературу поєднують історичні знання з безпосередньою музичною практикою. Книга може слугувати водночас вступом, практичною методикою та довідником для роботи з історичним кларнетом.

Instrumente

Aus dieser langjährigen Auseinandersetzung mit historischer Aufführungspraxis entstand eine umfangreiche Sammlung originaler Klarinetten und verwandter Instrumente aus der Zeit von etwa 1770 bis 1930. Viele dieser Instrumente wurden bereits in Konzert- und Aufnahmeprojekten eingesetzt und sind damit nicht nur Sammlungsobjekte, sondern Teil einer lebendigen musikalischen Praxis.

Restaurierung, Austausch und instrumentenkundliche Forschung führten zugleich zu einer engen Zusammenarbeit mit spezialisierten Instrumentenbauern, Restauratoren und Sammlern, darunter die Familie Tutz, Riccardo von Vittorelli, Frank Bernhard und Jochen Seggelke.

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Ausgewählte historische Instrumente

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Chalumeau Consort Orkin auf 415´

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Dieses Chalumeau-Consort wurde von Evgeni Orkin selbst entworfen und gebaut. Als Vorbilder dienten für Sopran und Alt Instrumente von J. C. Denner, für Tenor und Bass ein Paar Chalumeaux von Kleinig, Deutschland, ca. 1720–1730.

Historisch sind vereinzelt Chalumeaux und Klarinetten aus Elfenbein überliefert. In Anlehnung an diese Tradition wurden die hellen Instrumente aus Elfenbeinimitat gefertigt und greifen damit die exklusive Ästhetik solcher historischen Instrumente auf.

Das Bassoon de Chalumeau „Katana“ ist eine eigene Entwicklung Orkins, inspiriert von japanischer Ästhetik und seinem Telemann-/Shakuhachi-Projekt.

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Baroque Orkin auf 415'

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Diese vier Klarinetten in D, C, B und A wurden von Evgeni Orkin nach Vorbildern früher Barockklarinetten entworfen. Die zweiklappigen Modelle in D und C orientieren sich insbesondere an den selten erhaltenen Elfenbeinklarinetten von Georg Heinrich Scherer aus Butzbach, dessen Instrumente aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den frühesten erhaltenen Klarinetten zählen. In Anlehnung an diese außergewöhnliche Tradition wurden die hellen Instrumente aus Elfenbeinimitat gefertigt.

Das dreiklappige Modell in B ist von einer frühen Amsterdamer Klarinette aus dem Umfeld Jan Boekho(u)ts, um 1718, inspiriert; das A-Modell stellt eine etwas weiterentwickelte Bauform dar. Beim B-Instrument wird die zusätzliche Klappe mit dem rechten Daumen, beim A-Instrument mit dem linken kleinen Finger bedient. Ein um 1718 datiertes zweiklappiges C-Instrument wird in der Forschung Jan Boekhout zugeschrieben. 

Die vier Modelle tragen die Namen von Komponisten, deren Musik mit diesen Instrumenttypen verbunden ist: Molter (D), Vivaldi (C), Stamitz (B) und Rameau (A).

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Drei englische klassische Klarinetten, London, ca. 1798–1815 auf 430'

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Diese drei originalen Londoner Klarinetten repräsentieren sehr charakteristisch den englischen Klarinettenbau um 1800. Es handelt sich um eine A-Klarinette von Longman, Clementi & Co., London, ca. 1798–1801, eine B-Klarinette von James Wood, London, ca. 1800, sowie eine C-Klarinette von Metzler, London, ca. 1812–1815. Alle drei Instrumente werden bei etwa a¹ = 430 Hz gespielt.

Typisch für englische Klarinetten dieser Zeit ist die charakteristische Verdickung am Unterstück im Bereich des rechten kleinen Fingers, in der Teile der Klappenmechanik gelagert sind. Bei der frühen A-Klarinette von Longman, Clementi & Co. ist diese Form noch besonders rund und ausgeprägt – ein Merkmal, das bei englischen Klarinetten des späten 18. Jahrhunderts häufig anzutreffen ist. Vergleichbare englische Instrumente werden in Museumskatalogen ausdrücklich mit einer bell-shaped swelling im Bereich der Klappen für den rechten kleinen Finger beschrieben. 

Auch die Klappenausstattung zeigt die Entwicklung dieser Zeit. Die zusätzliche sechste Klappe für den A–H-Triller – in englischen Quellen als A–B-natural trill oder A/B shake bezeichnet – war bei frühen englischen Klarinetten noch nicht durchgehend vorhanden und setzte sich erst allmählich als Bestandteil der erweiterten klassischen Klappenmechanik durch. 

Longman, Clementi & Co. entstand 1798, als Muzio Clementi in die traditionsreiche Londoner Firma Longman eintrat. Die Firmenbezeichnung Longman, Clementi & Co. wurde nur bis 1801 verwendet. Die auf der Klarinette erhaltene Marke “LONGMAN CLEMENTI & COMPY / No 26 CHEAPSIDE / LONDON” erlaubt daher eine ungewöhnlich genaue Datierung auf 1798–1801. Ein nahezu identisch bezeichnetes Instrument befindet sich heute in der Bate Collection in Oxford. 

James Wood begann seine Tätigkeit als Londoner Holzblasinstrumentenmacher um 1799. Er wurde zu einem wichtigen Vertreter des englischen Holzblasinstrumentenbaus und war insbesondere auch für seine Klappen und Mundstücke bekannt. Bereits 1800 ließ er eine technische Verbesserung im Instrumentenbau patentieren. Die Datierung der hier gezeigten B-Klarinette auf ca. 1800 passt daher sehr gut in die früheste Phase seiner selbständigen Tätigkeit. 

Valentine Metzler, ursprünglich aus Bingen am Rhein, ließ sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in London nieder und arbeitete dort als Holzblasinstrumentenmacher. Die Marke “METZLER / LONDON / 105 WARDOUR ST.” ist besonders hilfreich für die Datierung: Metzler ist an dieser Adresse ab etwa 1812 nachweisbar. Die C-Klarinette dürfte daher ungefähr 1812–1815 entstanden sein und zeigt bereits die etwas weiterentwickelte Form des englischen klassischen Klarinettenbaus. 

Alle drei Instrumente wurden auch für die Aufnahme des Albums „WanderVirtuose“ verwendet. Zusammen dokumentieren sie auf besonders anschauliche Weise die Entwicklung der englischen Klarinette von den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts – von der noch deutlich gerundeten frühen Bauform bis zur zunehmend standardisierten sechsklappigen klassischen Klarinette.

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Vier Klarinetten von Adler, Bamberg, um 1820–1825 auf 430'

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Diese vier originalen frühromantischen Klarinetten in A, B, C und Es stehen exemplarisch für den süddeutschen Klarinettenbau der Zeit um 1820. Drei Instrumente tragen die charakteristischen Merkmale der Werkstatt Adler in Bamberg; die A-Klarinette ist nicht eindeutig gestempelt, kann jedoch aufgrund ihrer konstruktiven Details, ihrer Formgebung und der Ausführung der Mechanik ebenfalls Adler, Bamberg, zugeschrieben werden.

Die Instrumente stehen in Verbindung mit Karl Friedrich Adler (1795–1888), der 1820 nach Bamberg kam und dort eine bedeutende Instrumentenbauerwerkstatt führte. Vergleichbare erhaltene Adler-Klarinetten aus Bamberg werden heute auf die Zeit um 1820–1825 datiert.

Charakteristisch für diese Instrumente ist der Übergang von der klassischen zur entwickelten romantischen Klarinette. Gegenüber den klassischen fünf- oder sechsklappigen Instrumenten des späten 18. Jahrhunderts ist die Mechanik deutlich erweitert. Zahlreiche zusätzliche Klappen erleichtern chromatische Verbindungen, alternative Griffe und Triller und ermöglichen eine zunehmend gleichmäßige Behandlung aller Tonarten. Diese Entwicklung gehört zu den wesentlichen Veränderungen des Klarinettenbaus im frühen 19. Jahrhundert.

Auffällig ist zugleich die unterschiedliche Verwendung von Materialien. Buchsbaum wird mit verschiedenartigen hellen und dunklen Ringen, Fassungen und Verbindungen sowie mit Metallklappen kombiniert. Zusammen mit den unterschiedlich ausgeführten Klappen, Klappenböcken und Verbindungsstücken verleiht dies jedem der vier Instrumente einen eigenen konstruktiven Charakter, obwohl ihre gemeinsame Herkunft und ihre enge zeitliche Verwandtschaft deutlich erkennbar bleiben.

Besonders wichtig ist die B-Klarinette von Adler, Bamberg, die nicht nur als historisches Sammlungsinstrument erhalten ist, sondern auch praktisch verwendet wurde. Auf diesem Instrument entstanden zwei CD-Aufnahmen: „Im Zeichen der Freundschaft“ mit den Klarinettenquintetten von Heinrich Joseph Baermann und Carl Maria von Weber sowie eine weitere Aufnahme mit Werken von Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy und Carl Maria von Weber. Damit dokumentiert das Instrument nicht nur die Bauweise der frühromantischen Klarinette, sondern auch ihren charakteristischen Klang im Repertoire jener Epoche.

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Bassettklarinette von Friedrich August Peuckert, Breslau, ca. 1805–1815 auf 430'

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Originalinstrument in A mit rekonstruiertem Bassett-Unterstück und Corps de rechange in B

Diese außergewöhnliche Bassettklarinette basiert auf einem originalen A-Instrument von Friedrich August Peuckert in Breslau aus dem frühen 19. Jahrhundert. Zum erhaltenen Originalbestand gehören zwei Mundstücke, die Birne, Oberstück und Mittelstück sowie ein charakteristischer birnenförmiger d’Amore-Trichter – ein sogenannter Liebesfuß. Ein originales Unterstück war dagegen nicht erhalten.

Die historische Einordnung des Instruments ist besonders interessant. Friedrich August Peuckert betrieb seine Breslauer Werkstatt im frühen 19. Jahrhundert; ein erhaltenes Vergleichsinstrument wird um 1815 datiert. Vor allem aber ist Peuckert bereits 1806 als Hersteller von Bassettklarinetten nachgewiesen. In einer zeitgenössischen Anzeige berichtete er von einer für den Klarinettisten und Bassetthornisten Vincent Springer aus Amsterdam entwickelten neuen Art von B-Klarinette, die nur wenig gebogen war, bis zum tiefen C reichte und sich durch einen besonders schönen Ton auszeichnete. In der späteren organologischen Literatur wird dieses Instrument als Bassettklarinette beziehungsweise als eine neue Form der Clarinette d’amour interpretiert. 

Der erhaltene birnenförmige Liebesfuß des vorliegenden A-Instruments passt bemerkenswert gut in diesen Zusammenhang. Die Verbindung von Klarinette und d’Amore-Trichter war um 1800 keineswegs ungewöhnlich: Auch Anton Stadler beschäftigte sich mit einer solchen Verbindung, und die ikonographische Überlieferung seiner Bassettklarinette zeigt eine abgewinkelte Konstruktion mit einem charakteristischen, nach Art eines Liebesfußes gestalteten Schallbecher. Da kein originales Instrument Stadlers erhalten ist, bleiben die Einzelheiten seiner Bassettklarinetten allerdings Gegenstand der Rekonstruktion. 

Auf Grundlage der originalen Peuckert-Teile wurde das Instrument durch Riccardo von Vittorelli wieder zu einer spielbaren Bassettklarinette vervollständigt. Er rekonstruierte das fehlende Unterstück mit den Bassettklappen, wodurch der Tonumfang bis in die für die historische Bassettklarinette charakteristische tiefe Lage erweitert wurde. Zusätzlich entstand ein Corps de rechange in B, so dass das Instrument – entsprechend einer im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert verbreiteten Praxis – in verschiedenen Stimmungen verwendet werden kann.

Für die Rekonstruktion der A-Fassung wurde zugleich die besondere Bauform der mit Anton Stadler und Mozartverbundenen Bassettklarinette berücksichtigt. Mozarts Klarinettenquintett KV 581 und sein Klarinettenkonzert KV 622 entstanden für Stadlers Bassettklarinette in A mit chromatisch erweitertem tiefem Register. Die bekannte Darstellung aus Stadlers Rigaer Konzertprogramm zeigt eine charakteristisch abgewinkelte Bauform; historische und moderne Rekonstruktionen verbinden diese mit einem Knie und einem d’Amore- beziehungsweise Liebesfuß-artigen Schallbecher. Für B-Bassettklarinetten ist dagegen auch eine wesentlich gestrecktere Bauweise dokumentiert – Peuckerts Instrument für Vincent Springer wurde 1806 ausdrücklich als „kaum gebogen“ beschrieben. 

Auf dieser Grundlage entstand nicht die freie Neuschöpfung eines modernen Instruments, sondern die historisch informierte Vervollständigung eines umfangreich erhaltenen originalen Peuckert-Instruments. Originale Bauteile, der ungewöhnliche d’Amore-Trichter, die rekonstruierte Bassettmechanik und das zusätzliche B-Wechselstück verbinden sich zu einem Instrument, das zugleich ein historisches Original und eine spielpraktische Rekonstruktion darstellt.

Gerade diese Mehrschichtigkeit macht die Bassettklarinette besonders interessant: Sie dokumentiert einerseits die Experimentierfreude des Klarinettenbaus um 1800 und die enge Verbindung zwischen Klarinette d’amour, Bassettklarinette und Bassetthorn, andererseits macht sie eine Instrumentenform wieder spielbar, die unmittelbar mit der Klangwelt von Mozart, Stadler und den Klarinettenvirtuosen des frühen 19. Jahrhunderts verbunden ist.

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Chalumeau Consort Moeck auf 440´

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Dieses Chalumeau-Consort stammt aus der historischen MOECK–Steinkopf-Serie. Seit den 1960er-Jahren fertigte MOECK in Celle nach den Rekonstruktionen des Pioniers Otto Steinkopf historische Holzblasinstrumente; die Chalumeaux orientierten sich dabei auch an erhaltenen Originalen in Stockholmer Sammlungen.

Die hier gezeigten vier Instrumente gehören zur dunkleren Holzausführung. Auf einem MOECK-Chalumeau in hellerer Holzausführung spielte Evgeni Orkin seine Telemann-CD ein.

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Drei Klarinetten von Amlingue, Paris, ca. 1780–1790 auf 430'

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Diese drei originalen Klarinetten des Pariser Instrumentenmachers Amlingue stammen aus dem späten 18. Jahrhundert und sind auf etwa a¹ = 430 Hz gestimmt. Die Gruppe umfasst eine C-Klarinette aus den 1780er Jahrensowie eine B- und eine A-Klarinette aus den 1790er Jahren.

Besonders interessant ist die Konstruktion der frühen C-Klarinette. Bei ihr ist die später übliche Teilung in Unterstück und Trichter noch nicht ausgeführt: Unterstück und Trichter bestehen aus einem einzigen Stück.

Ebenso charakteristisch für diese Zeit ist die gemeinsame Verwendung desselben Mittelteils, des „Body“, für A- und B-Klarinetten. Der zentrale Instrumentenkörper konnte für beide Stimmungen beibehalten werden; zur Anpassung wurden lediglich Unterstück mit Trichter sowie Birne mit Mundstück ausgetauscht. Dieses Prinzip einer teilweise modularen Bauweise war im späten 18. Jahrhundert weit verbreitet und zeigt, wie flexibel die Instrumentenbauer bereits mit Mensur, Stimmung und Instrumentenlänge arbeiteten.

Die drei Instrumente dokumentieren damit sehr anschaulich sowohl eine ältere Bauform der C-Klarinette als auch die Austauschbarkeit wesentlicher Bauteile zwischen A- und B-Klarinette im französischen Klarinettenbau des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

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​Zwei romantische Klarinetten mit Wechselkorpus, Pressburg und Fulda, ca. 1810–1835 auf 440'

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Die beiden Instrumente dokumentieren besonders anschaulich den Übergang von der klassischen zur romantischen Klarinette und zugleich eine für die Zeit charakteristische Form des Wechselinstruments. Zu beiden Klarinetten gehört ein zusätzliches Korpusmittelstück – ein sogenanntes „corps de rechange“ bzw. ein austauschbarer „Body“. Durch den Wechsel dieses Korpusteils konnte dasselbe Instrumentarium für A- und B-Klarinette eingerichtet werden, während wesentliche andere Bauteile weiterverwendet wurden. Diese ökonomische und zugleich praktische Bauweise war um 1800 und im frühen 19. Jahrhundert weit verbreitet.

Das frühere der beiden Instrumente ist eine frühromantische Klarinette mit acht Klappen, Franz Schöllnast, Pressburg, zugeschrieben, ca. 1810–1820. Das Instrument ist nicht eindeutig gestempelt; Konstruktion, Formgebung, Materialbehandlung und Anlage der Mechanik weisen jedoch deutliche Parallelen zu erhaltenen Instrumenten aus der Werkstatt Schöllnast auf. Franz Schöllnast (1775–1844) gehörte zu den bedeutenden Holzblasinstrumentenmachern in Pressburg und gründete dort um 1810 eine eigene Werkstatt. Er fertigte Klarinetten, Bassetthörner und zahlreiche weitere Blasinstrumente und war für seine experimentierfreudigen, technisch zunehmend komplexen Konstruktionen bekannt. 

Die acht Klappen markieren bereits einen wichtigen Schritt über die klassische fünf- oder sechsklappige Klarinette hinaus. Zusätzliche Klappen verbesserten chromatische Verbindungen, Triller und problematische Gabelgriffe und erweiterten damit die technische Beweglichkeit des Instruments. Klarinetten dieser Bauart gehören unmittelbar in die Klangwelt der Beethoven-Zeit: Die zunehmende Erweiterung der Mechanik ermöglichte jene größere chromatische und tonartliche Flexibilität, die für das Orchester der mittleren und späten Beethoven-Symphonien immer wichtiger wurde.

Das zweite Instrument stammt von Johann Andreas Mollenhauer in Fulda und dürfte aufgrund seiner Bauweise und seiner deutlich erweiterten Klappenmechanik etwa zwischen 1825 und 1835 entstanden sein. Mollenhauer gründete seine Werkstatt 1822 in Fulda; bereits 1823 stellte er Klarinetten, Flöten und Oboen öffentlich aus. Er hatte während seiner Wanderjahre selbst bei bedeutenden Instrumentenmachern gearbeitet – bemerkenswerterweise auch bei Franz Schöllnast in Pressburg. Damit besteht zwischen diesen beiden Instrumenten nicht nur eine stilistische, sondern auch eine unmittelbare werkstattgeschichtliche Verbindung. 

Die Mollenhauer-Klarinette zeigt bereits die entwickelte romantische Klarinette mit einer erheblich erweiterten Klappenanlage. Gegenüber dem Schöllnast zugeschriebenen Instrument ist die Mechanik dichter und komplexer; zusätzliche Klappen erlauben alternative Griffe, erleichtern chromatische Passagen und gleichen klanglich und intonatorisch schwierige Töne aus. Zugleich bleibt die ältere Idee des Wechselkorpus für A und B erhalten – ein interessantes Nebeneinander von traditioneller modularer Bauweise und zunehmend moderner Mechanik.

Zusammen zeigen die beiden Instrumente einen entscheidenden Abschnitt der Klarinettengeschichte: von der frühromantischen achtklappigen Klarinette um 1810/20 bis zur technisch wesentlich stärker ausgebauten romantischen Klarinette der 1820er und 1830er Jahre. Das erhaltene corps de rechange macht zugleich sichtbar, wie selbstverständlich A- und B-Klarinetten damals noch als eng miteinander verbundenes Instrumentensystem gedacht wurden.

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Anonymes Bassetthorn, wohl ca. 1770–1790 auf 430'

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Wiederaufbau nach einem originalen Fragment

Dieses außergewöhnliche Bassetthorn geht auf ein original erhaltenes, anonymes Unterteil aus dem späten 18. Jahrhundert zurück. Erhalten blieb der charakteristische untere Korpusbereich mit dem sogenannten „Buch“ – jener für frühe Bassetthörner typischen Konstruktion, in der die verlängerte Bohrung mehrfach umgelenkt und zu den tiefsten Tönen des Instruments geführt wird.

In seiner Bauweise weist das Fragment deutliche Parallelen zu frühen Bassetthörnern der Wiener Klassik auf. Besonders nahe steht ihm konstruktiv das bei Thomas Grass und Dietrich Demus abgebildete anonyme Bassetthorn um 1810 aus dem Musikinstrumenten-Museum Markneukirchen. Die ursprüngliche Klappenanlage des vorliegenden Fragments erscheint jedoch noch archaischer: Drücker für den linken kleinen Finger fehlen vollständig. Die tiefen Bassettklappen waren konsequent für die Bedienung mit dem Daumen eingerichtet. Diese ungewöhnlich einfache und frühe Konzeption sowie die ursprüngliche Anlage des Unterstücks sprechen für eine Entstehung bereits im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, möglicherweise um 1770–1790. Da das Instrument keine erhaltene Herstellersignatur trägt, muss diese Datierung jedoch als typologische Einordnung verstanden werden.

Vom historischen Instrument war lediglich der originale untere Holzteil erhalten. Auf dieser Grundlage wurde das Bassetthorn durch den Instrumentenmacher Riccardo von Vittorelli nach historischen Vorbildern wieder aufgebaut. Die fehlenden Korpusteile wurden rekonstruiert und zu einem wieder vollständigen Instrument zusammengefügt.

Eine weitere Phase des Wiederaufbaus betraf die Mechanik. Das ergänzte Klappensystem wurde spielpraktisch neu konzipiert, um den vollständigen Tonumfang und die Griffmöglichkeiten eines klassischen Bassetthorns wieder nutzbar zu machen. Dabei sollte nicht ein modernes Instrument im historischen Gewand entstehen, sondern ein spielbares Bassetthorn, dessen Konstruktion und Klangidee möglichst eng vom erhaltenen Originalfragment und von vergleichbaren Instrumenten des späten 18. Jahrhunderts ausgehen.

Das rekonstruierte Bassetthorn wurde auch für die CD-Aufnahme „Mozart Opera Arias“ verwendet. Damit lässt sich seine wiedergewonnene Klangwelt nicht nur organologisch beschreiben, sondern auch unmittelbar im Repertoire der Mozart-Zeit erleben.

So verbindet dieses Bassetthorn heute Originalsubstanz, historische Rekonstruktion und praktische Wiedergewinnung eines nahezu verlorenen Instrumententyps. Seine Entstehungs- und Wiederaufbaugeschichte macht es zugleich zu einem Zeugnis dafür, wie organologische Forschung, Instrumentenbau und historische Aufführungspraxis unmittelbar ineinandergreifen können.

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